Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Der rote Mantel

Bitterkalt war es geworden. Simone und ihr jüngerer Bruder Achim saßen auf dem Fensterbrett und schauten sich die Eisblumen, die sich auf der Fensterscheibe gebildet hatten, an. “Was hast du eigentlich auf deinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann gemalt?”, fragte Simone ihren Bruder. Ne’ Eisenbahn und ein Fahrrad. Die Eisenbahn ist aber wichtiger als das Fahrrad”, antwortete der kleine Bruder. Simone griente in sich hinein.

Achim wusste ja nicht, dass es den Weihnachtsmann nicht gab. Wie jedes Jahr hatte sie sich vorgenommen ihren kleinen Bruder gehörig zu verladen. “Ja, dann will ich ja mal hoffen, dass du auch brav genug warst das ganze Jahr”. “Du weißt ja, dass der Weihnachtsmann einen Tag vor Heiligabend zu Mama und Papa kommt, er wird wie immer fragen, ob wir auch artig gewesen sind!”. Mit einem Satz hüpfte Simone von der Fensterbank um ins Kinderzimmer zu gehen. Das breite Grinsen seiner Schwester sah der kleine Bruder nicht. Achim schaute noch immer auf die Eisblumen am Fenster. Ernste Zweifel ergriffen ihn. Er dachte daran, dass er oft frech zu seiner Mutter gewesen war und oft genug hatte er sich geweigert mit dem Hund Gassi zu gehen oder den Müll herunter zu bringen.

Geschirr abtrocknen konnte er gar nicht leiden. Er erfand regelmäßig eine Ausrede, nur damit er zu hause nicht helfen musste. Achims Mine verdüsterte sich. Wenn seine Mutter dem Weihnachtsmann von seiner Faulheit erzählen würde, sähe es schlecht aus mit der Eisenbahn und dem Fahrrad.

In drei Tagen war Heiligabend, Achim beschloss sich ins Zeug zu legen und ab sofort zu hause zu helfen wo er nur konnte. Mit Kessi, der Dackeldame würde er anfangen. Mit ihr würde er in den nächsten beiden Tagen so oft Gassi gehen wie nur möglich. Er dachte auch daran, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist, dass Geschirr abzutrocknen. Und der Müll ist ja auch schnell herunter gebracht. In den kommenden zwei Tagen war Simones Bruder nicht wieder zu erkennen. Mit Kessi war er oft und lange Gassi gegangen, so dass der arme Hund ganz erledigt war vom vielen Laufen. Wenn seine Mutter das Geschirr abwusch, war er derjenige der zum Tuch griff um abzutrocknen. Seine Mutter brauchte ihm nicht einmal mehr zu sagen, dass der Müll herunter gebracht werden soll. Das tat er ohne extra Aufforderung und mit einem ungewohnt freudigen Gesichtsausdruck. Simone beobachtete den plötzlichen Sinneswandel ihres kleinen Bruders, wobei sie sich innerlich hätte Kugeln können vor lachen. Manchmal stand sie mit ihrer Mutter in der Küche und beide amüsierten sich über den kleinen fleißigen Achim. “Ist das nicht süß?” sagte Mutter, “dein Bruder legt sich ja richtig ins Zeug!”.

„Lassen wir ihn so lange wie möglich seinen Glauben an den Weihnachtsmann, die Wahrheit erfährt er noch früh genug.”  Simone amüsierte über diese Bemerkung ihrer Mutter. Gespannt lag Achim im Bett und konnte nicht einschlafen. Er musste wach bleiben, schließlich würde in dieser Nacht der Weihnachtsmann kommen um mit Papa und Mama zu sprechen, dachte er.

Da schellte es plötzlich an der Tür. Es dauerte eine Weile und Achim vernahm eine tiefe dunkle Stimme und hörte schwere Schritte. “Ho Ho Ho”, rief es. “Komm herein, lieber Weihnachtsmann”, sagten die Eltern. Zitternd war Achim war aus dem Bett geschlichen und drückte sein Auge auf das Schlüsselloch. Er erschrak fürchterlich. Das war er, der Weihnachtsmann! Den roten Mantel konnte er deutlich erkennen. Nun hatte er sein Ohr an die Türe gepresst, konnte aber außer Gemurmel nichts mehr verstehen. Simone hatte sich schlafend gestellt. Sie durfte sich nichts anmerken lassen und kicherte ganz leise in sich hinein. Nach ein paar Minuten hörte Achim erneut diese schweren Schritte. Er lugte wieder durch das Schlüsselloch und erkannte noch einmal den roten Mantel. Dann wurde die Eingangstür  geschlossen, der Weihnachtsmann war wieder weg. Leise schlich Achim zurück in sein Bett und dachte darüber nach, was seine Eltern dem Weihnachtsmann über ihn gesagt haben könnten. Er grübelte noch eine ganze Weile, dann schlief er endlich ein.
Es hatte die ganze Nacht geschneit und eine dicke Schneedecke lag auf den Straßen und den Bäumen . Ganz früh am Morgen sprang Achim aus dem Bett. Er war aufgeregt und rief:  “Heute kommt der Weihnachtsmann und bringt Geschenke!” Den ganzen Tag über war er ruhelos und sah sich im Fernsehen Weihnachtsgeschichten an. Mutter stand in der Küche und bereitete das Essen vor. “Wie lang der Tag doch ist”, dachte Achim und je später es wurde, desto aufgeregter wurde er. “Komisch” dachte Achim, Simone ist gar nicht aufgeregt. “Ist sie denn nicht gespannt was ihr der Weihnachtsmann bringt?”

Als es draußen langsam dunkler wurde, schickten die Eltern Achim und Simone wie jedes Jahr am Heiligabend in ihr Zimmer und schlossen die Türe ab. Simone ging mit ihrem Bruder an das Kinderzimmerfenster. Es war noch mehr Schnee gefallen und die Autos waren gar nicht mehr zu erkennen unter ihrer dicken Schneehaube. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde die Kinderzimmertür wieder aufgeschlossen. Weihnachtslieder waren zu hören. Die Eltern standen im Kinderzimmer und riefen ihre Sprösslinge ins Wohnzimmer zur Bescherung. Simone hielt ihren Bruder aber noch fest. “Schau”, sagte sie. “Der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten!” Als Achim sich daraufhin herumdrehte und zum Fenster sah, konnte er den Weihnachtsmann nicht sehen. “Schade”, sagte Simone, “jetzt hast Du ihn verpasst!” “Er ist gerade um die Ecke geflogen.” Das war Achim aber jetzt egal. Er rannte zum Wohnzimmer und sah einen wunderschönen großen bunt geschmückten Weihnachtsbaum. Die Lichter strahlten über seiner Eisenbahn und dem neuen Fahrrad.

Eine Antwort zu “Eine kleine Weihnachtsgeschichte”


    Liebe Frau Wolkenlos,

    wo Achim aber auch so brav war, hat er auch beides verdient. :wink:
    Süße Geschichte.

    Liebe Grüße,
    Martina

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