Kleinkrieg
Wer kennt das nicht. Man kramt in alten Fotos herum und kann es kaum glauben wie man mal ausgesehen hat. Zu den Fotos fällt mir dann fast immer ein, welches Ereignis dem Bild vorausgegangen ist. Bei vielen meiner alten Fotos kann ich gar nicht glauben, dass ich es bins die auf den Bildern zu sehen ist. Dann erinnere ich mich an extreme Begebenheiten und Situationen in die ich mich heute einfach nicht mehr begeben würde. Beim durchsuchen der Fotos fiel mein Blick auf eine 21 jährige junge Frau, die rein äußerlich gesehen keiner Fliege etwas zuleide tun würde. Erst auf dem zweiten Blick wurden meine Reißzähne sichtbar. Diese wurden aber erst dann bloßgelegt wenn mir der Kragen platzte.
Als das Foto aufgenommen wurde wohnte ich in einem Mietshaus im ersten Stock. Unter der Wohnung befand sich eine Gaststätte. Daraus ergab sich jede Menge Zündstoff. Die Musik in der Kneipe war in meiner Wohnung nicht zu überhören und mein Ärger darüber wuchs mit jedem Tag. Irgendwann beschloss ich der ungeliebten Beschallung ein Ende zu setzen. Ich ging runter und bat den Wirt die Musik leiser zu stellen. Ich hatte nicht erwartet, dass er dies umgehend machen würde, aber er tat es. Naiverweise hatte ich angenommen, dass dies auch so bleiben würde. Wenige Tage später ging der Zauber wieder los, und ich sah mich genötigt mich ein zweites Mal zu beschweren. Wieder wurde die Musik heruntergedreht. Diesmal nicht ohne zu murren. Auf meine Aussage, dass ich das nächste Mal die Polizei rufen würde, erntete ich nur ein unverschämtes Grinsen. Dieses freche Grinsen provozierte mich so sehr, dass ich bei der nächsten nächtlichen Ruhestörung die Polizei anrief. Ich hatte mittlerweile in Erfahrung gebracht, dass der Wirt keine Nachtkonzession hatte. Diesmal war ich diejenige die grinste. Als die Polizei kam, wurde dem Gastwirt nahe gelegt die Musik nach 22 Uhr auszuschalten, und vor 22 Uhr auf eine angemessene Lautstärke zu beschränken.
Endlich wurde es für mich wieder erträglich in der Wohnung, denn ich konnte wieder ohne Störung schlafen.
Wer aber jetzt denken sollte, dass dies auf lange Sicht so geblieben ist, befindet sich auf dem Holzweg. Nach einigen Wochen ging das Theater wieder los. Da ich wusste, dass der Wirt nachts in den Hof ging um den Müll rauszubringen ergriff ich meine Chance, und machte leise mein Fenster auf. Vorher hatte ich mir einen Eimer mit kaltem Wasser zurechtgestellt. Es war frostig draußen und der Boden im Hof gefroren. Ich passte den richtigen Moment ab und schüttete den Eimer mit dem Wasser auf den Wirt, der gerade auf dem Rückweg in die Kneipe war. Platsch!! Das hatte gesessen. Vorsichtig hatte ich das Fenster wieder geschlossen. Er konnte vor lauter Verblüffung nicht sehen wer ihm das kalte Bad verpasst hatte. Ich bekam sogar noch mit, dass er auf dem glatten Boden ausgerutscht war.
Nach dem Motto: “Lieber breit grinsen, als schmal denken” ging ich schlafen. Ein Jahr später bin ich dann in eine andere Wohnung gezogen. Ich glaube der Wirt weiß bis heute nicht wem er den Eimer Wasser zu verdanken hatte. Eine Vermutung hatte er aber sicherlich.
So extrem würde ich heute natürlich nicht mehr reagieren. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass ich endlich erwachsen geworden bin.

