Tarelia Kapitel 04
Die erste Sonne Tarelias war längst untergegangen und tauchte Mavas Zimmer in ein rot goldenes Licht, welches jetzt durch die gläserne Dachkuppel schien. Gleich würde auch die zweite Sonne untergehen und der Nacht weichen müssen. Udewin war mit Mava sehr zufrieden gewesen. Sie hatte die Sprache der großen Krähe, einem Geschöpf der Lüfte erlernt.
Nachdem der Unterricht beendet war, fragte Mava ihren Lehrmeister was sie bei ihrem nächsten Treffen lernen würde. Udewin hatte gelächelt und geantwortet, dass sie die Sprache eines am Boden lebenden Tieres lernen würde. Mit erwartungsvoller Mine fragte Mava ihn um welches Tier es sich handeln würde. Udewin entgegnete mit einem feixendem Gesichtsausdruck, dass es eine Überraschung werden würde. Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Obwohl sie bei der heutigen Übung unter Udewins und Egoras Schutz stand, hatte Mava ein ungutes Gefühl beschlichen, als sie mit der Krähe sprach. Irgendetwas war mit diesem Vogel.
Eine kalte und ungute Ausstrahlung ging von diesem Tier aus. Mava glaubte sogar eine Spur von Feindseligkeit empfunden zu haben. Sie hatte mit Udewin nicht über ihre Wahrnehmung gesprochen. Jetzt bedrückte es sie, dass sie es ihm nicht erzählt hatte. Und das, obwohl ihr Lehrmeister ihr stets eingetrichtert hatte, sie solle ihm ihre Eindrücke nach den Übungen sofort mitteilen. Bei ihrem nächsten Treffen würde sie es ihm erzählen, und würde einmal mehr darauf hoffen müssen, dass Udewin nachsichtig mit ihr sein würde.
Mehrere Male schon hatte sie Udewins Anweisungen ignoriert, wurde aber nur ein einziges Mal sehr heftig auf ihr Fehlverhalten hingewiesen. Udewin sah sich damals sogar gezwungen ihre Eltern über ihre leichtsinnige Handlungsweise in Kenntnis zu setzen. Keetu hatte seine Tochter daraufhin für zwei Tage in ihr Zimmer geschickt und von allen isoliert. In den beiden einsamen Tagen dachte sie über ihre Missetat nach und bereute zutiefst was sie angestellt hatte. Wie dumm und leichtsinnig war doch ihr damaliges Handeln gewesen. Diese Leichtsinnigkeit hatte ihr einst fast das Leben gekostet wenn Udewin nicht noch rechtzeitig eingegriffen hätte.
Sie hatte ihren Lehrmeister, damals als das Unglück geschah, gefragt ob er ihr ein bestimmtes Buch aus seiner Bibliothek leihen würde. Es war nicht irgendeine Lektüre sondern ein sehr wertvolles und altes Buch, das den Titel “Alte Zauber – Foliant der Bannsprüche” trug. Udewin lehnte ihre Bitte sofort ab, warnte sie davor es zu berühren oder es zu lesen. Desweiteren wies er sie darauf hin, dass es sehr riskant sei darin zu lesen, selbst für einen so routinierten und mächtigen Magier wie ihn selbst. Als Udewin die Bibliothek kurz darauf verließ, überwältigte Mava eine maßlose Neugier, die Warnung Udewins schlug sie in den Wind. Sie wuchtete den schweren Folianten aus dem Regal, legte ihn auf einen Tisch und schlug das Buch ungeduldig auf. Dann begann sie darin zu lesen.
Sehr schnell bemerkte sie einen unangenehmen Druck auf den Augen, dann wurde ihr schwindelig. Sie fühlte, wie ihre Augen mehr und mehr aus ihren Höhlen hervortraten. Mava war wie gelähmt und nicht mehr in der Lage ihren Blick von den seltsamen Schriftzeichen abzuwenden. Sie schwitzte heftig und bekam gleichzeitig eine Heidenangst die schnell einer wilden Verzweiflung Platz machte. Das Buch schien sie festzuhalten und ihre Augen traten immer weiter aus ihren Höhlen hervor. Die Schriftzeichen zogen nun ihre Augäpfel ganz aus den Höhlen, bis sie heraustraten und nur noch am Sehnerv herunter hingen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Nerv zerreißen und das Buch ihre Augen verschlingen würde. Mava war unfähig zu schreien, ihr ganzer Körper war durch den Einfluss des unseligen Buches gelähmt.
Plötzlich schlug ein dunkelgrüner Lichtblitz in das Buch, begleitet von einem kolossalen Knall. Mava wurde in die Luft geschleudert und prallte hart auf dem Boden auf. Bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie noch Udewins Gestalt im Raum stehen. Als sie einige Minuten später wieder zu sich kam, befand sie sich auf einem Sofa. Ihr Lehrmeister hatte sie dort abgelegt und hielt ihr nun ein Glas Wasser hin. Mit schuldhafter Mine und ohne Udewin in die Augen zu blicken nahm Mava das Wasserglas und trank es aus. Als sie ihm das leere Glas zurück reichte, schaute sie ihn beschämt und verlegen an. Udewins Blick ließ nichts Gutes erahnen. Als Mava etwas sagen wollte machte er eine barsche, abweisende Handbewegung.
Sichtlich um Fassung bemüht, zeigte der sonst so gelassene Udewin ihr seine tiefe Enttäuschung indem er sie mit einem verbissenen Blick fixierte, um kurz darauf seinem Ärger und seiner Enttäuschung Luft zu machen. Nachdem er Mava aufgezeigt hatte was ohne sein Eingreifen mit ihr geschehen wäre, schämte sie sich so sehr, dass sie anfing zu heulen. Mit stockender Stimme bat sie Udewin ihr zu verzeihen. Mit nicht mehr ganz so ärgerlicher Mine vergab er ihr. Um eines würde sie nicht herumkommen. Udewin würde ihre Eltern von ihrer Missetat berichten müssen, was Mava notgedrungen auch einsah. Nachdem Keetu und Neela von Mavas Vergehen erfahren hatten, wurde sie auf ihr Zimmer geschickt in dem sie dann zwei Tage, abgeschottet von ihrer Familie bleiben musste.
Morgen hatte Mava wieder Unterricht bei Udewin. Sie freute sich darauf und war sich sicher, dass sie ihm von ihrer Wahrnehmung, die Krähe betreffend, erzählen würde. Nie wieder würde sie ihrem Lehrmeister Kummer bereiten oder seine Anleitungen missachten. Die zweite Sonne war nun untergegangen und einer Sternenklaren Nacht gewichen. Der Tag war ereignisreich gewesen und die Müdigkeit legte sich langsam auf Mavas Lider. Sie legte sich in ihr Bett, drehte sich in ihre weiche Decke und schlief ein.


30. Mai 2009 um 10:02
Oh….wie aufregend
gefällt mir 
Chrille schrieb zuletzt…Schwüle statt Kühle
30. Mai 2009 um 11:20
@Chrille,
Irgendwie ist mir Tromberon die Krähe, sehr ans Herz gewachsen. Aus dem lässt sich noch eine ganze Menge machen. 
gerade dieser 4. Teil ist auch mein aktueller Favorit. Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu schreiben.
Das ging ab wie ein Zäpfchen.
LG
30. Mai 2009 um 13:34
@ Frau Wolkenlos
Ja ich glaube auch, das man noch sehr viel aus der Krähe machen kann.
Chrille schrieb zuletzt…Projekt – Zwei neue Rezepte