Tarelia Kapitel 05

Tromberon hockte auf dem kahlen Ast eines alten Baumes. Es war dunkel geworden und die Krähe war schläfrig. Es war zu spät um weiterzufliegen, daher beschloss Tromberon die Nacht auf dem Geäst zu verbringen und ein wenig zu schlafen. Der Fuß war an der Stelle an dem die Kralle fehlte, noch etwas angeschwollen aber der Schmerz hatte zum Glück nachgelassen. Tromberon würde das lädierte Bein unter seine Federn stecken und mit dem anderen Gliedmaß ausreichend abgestützt sein. In der Morgendämmerung könnte er sich dann aufmachen und diesen Kobus suchen.

Tromberon plusterte sich noch einmal kräftig auf, ordnete mit seinem Schnabel die schwarzen Federn und duselte schließlich ein. Ganz in der Nähe des Baumes, aus einem dichten Gesträuch heraus, beobachteten zwei listige Augen die schlafende Krähe…

Als der Morgen dämmerte erwachte Mava ausgeruht. Sie blickte von ihrem Bett aus in den Himmel, zog ihre Decke bis zum Kinn hoch und genoss die Stille um sich herum. Es würde nicht mehr lange dauern bis die kurze Zeit der Dämmerung der ersten Sonne Platz machen würde. Mava freute sich immer sehr auf diesen Moment. Es war schon immer ein ganz besonders magischer Augenblick für sie gewesen. Schon als Kleinkind hatte sie diese enge Verbindung zum Himmel und der Natur gespürt. Sie war guter Stimmung, denn am Nachmittag würde sie wieder mit Udewin zusammentreffen. Sie sah ihrer Lehrstunde voller Vorfreude entgegen. Als sie aufgestanden war, begab sie sich zum Fenster um es weit zu öffnen.

Noch immer in ihre weiche Decke gehüllt, schaute sie hinaus zu den Bergen und blickte zum Himmel der sich jetzt in einem zart goldenen Licht zeigte. Mava beobachtete, wie die Sonne hinter den Bergen aufging und die Landschaft langsam vom Licht erfüllt wurde. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich, bis sie schließlich eins wurde mit der Natur und dem Licht. Dann breitete sie ihre Arme aus und atmete tief den Duft des Morgens ein. Als sie die Augen schließlich öffnete, wurde ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Sie erblickte in der Ferne einen großen Vogel, der in einem weiten Bogen immer wieder um den alten Baum Egoras seine Kreise zog.

Mava hatte das seltsame Gefühl, dass der Vogel mit Egoras sprach. Nein, sie war sich sicher, dass der Vogel mit dem Baum sprach! Sie spürte, dass diese Unterhaltung irgendetwas mit ihr zu tun hatte, konnte aber nicht verstehen um was es ging. Rasch änderte das Tier seine Flugrichtung und schwebte auf Mava zu. Erst als der Vogel immer näher kam, sah sie wie groß er wirklich war. Mava wich zurück, als sie merkte, dass der Vogel nicht auf dem Fenstersims sondern in ihrem Zimmer landen würde. Die Flügelspannweite des Tieres war gewaltig, die Augen goldgelb mit schwarzer Pupille. Tief beeindruckt sah Mava wie der große, elegante Greifvogel nun auf ihrem Bett saß und sie mit seinen achtsamen Augen fixierte. Ihr fiel ein, dass dies die Gelegenheit wäre, die erlernte Sprache der Tiere anzuwenden.

Sie konzentrierte sich, atmete tief ein und aus und schloss schließlich die Augen. Als sie spürte, dass sich alle ihre Sinne mit dem Tier verbunden hatten, hörte sie die Stimme des Greifvogels. Er sei zu ihr gekommen um sie zu warnen, großes Unheil würde über ganz Tarelia hereinbrechen, teilte er ihr mit. Fassungslos fragte Mava das Tier was genau er damit meinen würde, welche Gefahr Tarelia drohen würde. Der Greif antwortete, dass sich ein mächtiger Feind bereit machen würde, ganz Tarelia in Finsternis und Fäulnis versinken zu lassen. Die Macht des Feindes sei sehr groß. Daher wäre es unerlässlich und lebenswichtig, dass sich sämtliche Magier, Heiler und Krieger vereinen um das Unglück möglicherweise noch abwenden zu können.

Mava öffnete die Augen als sie merkte, dass der Vogel ihr nichts Weiteres mitzuteilen hatte. Mit einem kraftvollen Satz sprang er von ihrem Bett herunter, flog zum Fenster und schwang sich in die Luft. Mava hörte noch den eindringlichen Schrei des Tieres, bevor es aus ihrem Sichtfeld verschwunden war…

Tromberon blinzelte, als die Sonne ihm ins Gesicht schien. Ein kurzer Flug zum Boden, ein ausgiebiges Bad in dem kleinen Bach und Tromberon war wieder munter. Krächzend hüpfte die Krähe aus dem Bach um sich nach etwas fressbaren umzusehen. Eine fette Schnake saß auf einem Grashalm und hauchte ihr Leben aus, als Tromberon sie von Halm zupfte. Auch ein argloser Käfer verlor durch ihn sein ohnehin viel zu kurzes Leben. Als die Krähe satt war, überlegte sie wie sie den Weg zu Kobus finden könnte. Ohne Hilfe würde sie ihn sicherlich nicht so schnell finden können. Tromberon erinnerte sich daran, einmal einem Gespräch gelauscht zu haben, dass zwei große Hundeartige Wesen geführt hatten. Einer der Beiden hatte zitternd erzählt, dass Kobus in einer Höhle im Gebirge hausen würde. Der Eingang sei bewacht von mehreren dunklen geisterhaften Gestalten die jeden unbekannten Töten würden. Einmal sei eine Kreatur zum Eingang der Höhle gekommen um Kobus zu sprechen. Nach einem kurzen Wortwechsel bei dem es um ein Erkennungszeichen ging, welches der Fremde aber nicht kannte, hob einer der Wachen den Arm und das Wesen zerfiel sogleich in seine Bestandteile. Am ganzen Leib zitternd musste Tromberon daran denken, dass es ihm genauso ergehen könnte, wenn er sich nicht einen Plan überlegen würde der seine Aussicht auf ein Weiterleben zumindest ein wenig erhöhen könnte.

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